Hallo Ihr Lieben, aufgrund technischer Probleme hatten wir leider einige Tage keinen Internetzugang, aber nun klappt es für‘s erste wieder. Hier also ein kurzer Zwischenstand, Photos folgen bald!
Genau passend zu dem Zeitpunkt, als der Smog Beijing wie eine graue Nebelwolke überfiel, begann endlich unsere Reise nach Wudang. Auf der Zugfahrt mussten wir leider wegen des großen Ferienandrangs in China mit normalen Sitzplätzen vorlieb nehmen, aber auch die 22 Stunden etwas eingeschränkter Bewegungsfreiheit nahmen irgendwann ein Ende und wir erreichten schließlich müde aber bei herrlichem Sonnenschein unseren Zielort: Wudangshan.
Ab da an befanden wir uns in einer völlig anderen, gegensätzlichen Welt! Der Bahnhof, klein und menschenleer, liegt mitten in den Bergen. Von dort aus führt eine kleine Straße in das Örtchen. Wir wurden zum Glück direkt in zwei Autos verfrachtet, um in die gerühmte Akademie von Meister Chen kutschiert zu werden. Nun sind wir aber in China und natürlich verlief da einiges anders als gedacht! Wir kamen nämlich nicht bis zur Akademie, sondern wurden ein paar Minuten vorher einfach vor einem großen Betonhaus mit kleinem Restaurant abgeladen. Es hieß: Das Gästehaus ist voll! Ihr müsst hier in dem Hotel bleiben, is better! Aber so war das nicht abgemacht, wir hatten doch komplettes „Akademiefeeling“ gebucht und uns schon gefreut in jeder freien Minute den Students beim Training zuzuschauen. Nach einigem Hin und Her bekam dann aber doch jeder, der wollte, noch ein Zimmer auf dem Akademiegelände. Nunja, wie gesagt, wir sind eben in China
!
Die Akademie selbst liegt eingebettet zwischen vielen Bauernhäusern, die allerdings kaum Ähnlichkeit mit der deutschen Bauernhofidylle haben. Zwar laufen Hühner, Katzen und Hunde (alle mit Unterbiss und in Knöchelhöhe) auf der Straße herum und wir haben sogar ein Schwein in einem Verschlag gesehen, doch erinnern die offenen Abwasserkanäle und die öffentlichen Müllhalden, die anscheinend abends einfach angezündet werden, eher an Indien. Man sieht ein paar neugierig starrende Alte auf Schemeln vor ihren an einander gedrängten Hütten sitzen und Mais, Orangen oder Chili (wächst hier alles in Hülle und Fülle!) verarbeiten.
Der Eingang zur Akademie wirkte auf einige auf den ersten Blick vielleicht etwas unauffällig, doch spätestens beim ersten Training im Tempelhof erkannten wir den ureigenen Charme von Wudang. Unser Trainingsgelände ist ein alter Daoistischer Tempel-Innenhof, der viele Nischen und Platz für unterschiedliche Trainingsgruppen bietet.
Wir lernen bei Meister Chen, dem Leiter der Akademie, persönlich. Obwohl er selbst noch keine 30 Jahre alt ist, strahlt er eine große Würde und Erhabenheit aus. Wie viele andere der Lehrer und Schüler hier trägt auch er die typische Wudang-Kleidung in dunkelblau und weiß. Auch wir werden uns dem bald gut anpassen können, kam doch am ersten Tag auf unseren Wunsch hin direkt eine Schneiderin aus dem nahe gelegenen Dorf und nahm unsere Aufträge samt unserer Körpermaße auf!
Hier in Wudang ist es üblich, dass im Training der Meister nur zwischendurch anwesend ist, erklärt, korrigiert und einem neue Aufgaben erteilt. Ansonsten wird selbstständig geübt.
Am ersten Tag lernten wir u.a. vier grundlegende Qi Gong Formen. Keiner von uns hätte vorher gedacht, dass Qi Gong so anstrengend sein kann! Und nach über zweistündigem Verrenken, Dehnen und Strapazieren vor Allem des Rückens und der Seite in der prallen Sonne, hatten wir uns das Mittagessen um 11 Uhr (!) redlich verdient.
In der nächsten Trainingseinheit am Nachmittag lernten wir die acht Tai Chi Stände und Dank Eselsbrücken wir „Po am Boden – Pu Bu“ auch die dazugehörigen Namen. Nach dauerndem Hinhocken, Grätschen oder einbeinigem Stehen wussten die Beine ganz genau, was sie getan hatten!
Während einige an diesem Abend vor dem Hotel ein (?) gutes chinesisches Bier genossen, schauten andere dem freien Training der Kung Fu Schüler jeden Alters, die eine dreijährige höchst anstrengende Ausbildung absolvieren, beim freien Training zu. Unglaublich, wie schnell sie sich bewegen konnten und wie ein kleiner Junge eine komplizierte Stockform mit ungewöhnlichen Sprüngen und Ständen praktizierte! Da konnte man wirklich neidisch werden!
Wir aber müssen uns dann bald die 70 – 80 Bewegungen der 13er Tai Chi Form merken, die erste überhaupt in Wudang und China praktizierte Tai Chi Form. Die ersten fünf Bewegungen haben wir schon heute morgen gelernt, mal sehen, ob die 10 Tage hier reichen werden…;-).
Mira & Conny